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Welche Funktion Stress hat

Neurobiologie des Lernens, Stress und emotionale Bewertungen für Lernen von Annäherung oder Vermeidung

Welche Funktion haben Stress und Störungen?

Von Lebensbeginn an haben wir die Fähigkeit auf Störungen, d.h. auf Stressoren zu reagieren. Dafür wird mit Hilfe der Ausschüttung von Noradrenalin die Aufmerksamkeit des Nervensystems auf diesen Stressor gelenkt, mit dem Ziel, das Problem zu lösen, sei es Hunger, Durst, Angst oder der Wunsch, nach einem Spielzeug zu greifen. Aber auch alle anderen Situationen, die den Organismus in irgendeiner Weise zur Reaktion herausfordern, setzen die Stressreaktion in Gang, wie z.B. Temperaturschwankungen, Kälte, Verletzungen, niedriger Blutzucker, Infekte und Sauerstoffmangel, aber auch Tätigkeiten, die Spaß machen, wie Sport, Arbeit, Feiern. Die Aktivierung klingt erst dann wieder ab, wenn das Problem gelöst wurde, sei es dass das Gleichgewicht von Hunger und Durst wiederhergestellt wurde oder dass durch das erfolgreiche Greifen nach dem Spielzeug ein neues Gleichgewicht gefunden wurde.

Mit dem Abklingen der Stressreaktion werden endogene Opioide ausgeschüttet und eine allgemeine Beruhigung ein, ebenso durch Serotonin vermittelt. Insofern ist Störung/Stress ein evolutionär wichtiger Zustand, der Weiterentwicklung im Sinne von immer besserer Lösung bestehender Probleme erst ermöglicht hat. Die Fähigkeiten zur Problemlösung durch Lernen bezeichnen wir auch als Anpassungsfähigkeit und es ist gerade diese Fähigkeit, die die Art Mensch überhaupt erst entstehen ließ. Ohne Störungen durch Stressoren, also durch Reize aus der inneren oder äußeren Umwelt, gäbe es kein Lernen und keine Weiterentwicklung. Die Reaktion auf Stress mit der entsprechenden Lenkung der Aufmerksamkeit und Aktivierung des sympathischen Nervensystems ermöglicht die Suche nach effektiven Problemlösungen. Die wiederum werden je nach Erfolg mit „suchen“ oder „meiden“ eingespeichert und stehen dann als Handlungsmodelle für die Zukunft zur Verfügung.

Im Prozess der Lösungssuche wirkt Noradrenalin auf verschiedene Gehirnbereiche ein (Cortex, Amygdala, Hippokampus, Hypothalamus), um dort Aufmerksamkeit und Verhaltensbereitschaft zu erhöhen. Gleichzeitig wird über den Hypothalamus das sympathische Nervensystem aktiviert, so dass es zur Ausschüttung von mehr Adrenalin und Noradrenalin in die Blutbahn kommt. An der Stressantwort ist auch Cortisol beteiligt, das in einer gewissen Menge kontinuierlich im Körper über den gesamten Tagesverlauf hinweg zur Verfügung steht. Diese Stoffe erhöhen weiter die Verhaltensbereitschaft mit dem Ziel, im Nervensystem eine zur Lösung geeignete Verhaltensstrategie abzurufen. Eine besondere Rolle im Prozess der Lösungssuche spielt der präfrontale Cortex, der für eine Interpretation von Reizen, bei der Entwicklung von Vorannahmen für Geschehnisse sowie bei der Speicherung früherer Erfahrungen. Eine wichtige Rolle bei der Reaktion auf neue bzw. negativ belegte Reize spielt die zugehörige frühere Bewertung von „meiden“ (z.B. Futter ist giftig, vor Mathematik habe ich Angst). Sie wird innerhalb des limbischen Systems v.a. in der Amygdala (Mandelkern), dem Speicherort für erlernte Angst), gespeichert.

Wenn es zu stark ängstigende Vorerfahrungen gibt, die über die Amygdala aufgerufen werden oder wenn es keine angemessene Lösung für die Störung des Gleichgewichts gibt, schaltet das Nervensystem immer mehr in einen Notfall-Mechanismus von Kampf oder Flucht um. Unter diesen Umständen bindet Noradrenalin an andere Rezeptoren, wie z.B. den Mandelkern, um und kreatives Denken bzw. Lösungssuche wird, wie wir es alle selbst kennen, immer unmöglicher. Dabei entsteht immer mehr das Gefühl von Hilflosigkeit und Angst bis hin zur Panik, was die Notfallreaktion Kampf-Flucht oder Erstarrung auslöst. Physiologisch bewirkt das eine stark zunehmende sympathische Erregung, gefolgt von der Ausschüttung von immer mehr Noradrenalin und Adrenalin und zur Stimulierung des hypothalamo-hypophyseo-adrenokortikalen (HPA) Systems mit Cortisol-Ausschüttung. In solchen Situationen steht den Säugetieren das Kampf-Flucht-Muster zur Verfügung, welches durch die Cortisolausschüttung aktiviert wird.

Dann können wir nicht mehr klar denken, es kommt oft zur Fehlinterpretation von Gesichtsausdrücken als bedrohlich, dann überreagieren wir aggressiv. Oftmals entstehen dadurch Verletzungen, wirklich körperliche oder seelische, die soziale Beziehungen schwer beeinträchtigen. Deshalb ist eine Kontrolle der inneren Erregung wesentlich für ein friedliches soziales Miteinander. Entscheidend für das schnelle Anspringen der Kampf-Flucht-Reaktion ist eine im emotionalen Erfahrungsgedächtnis abgespeicherte „Meiden“- oder Angst-Bewertung.